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Funktionsweise des Internets und sein Gefährdungspotenzial für Kinder und Jugendliche
Kurzvortrag von Prof. Dr. Helmut Volpers - Fachhochschule Köln und Institut für Medienforschung Göttingen & Köln (ImGö) zur Pressekonferenz der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM)
anlässlich der Vorstellung des Handbuches "Funktionsweisen des Internets und sein Gefährdungspotenzial für Kinder und Jugendliche"
Vielen Dank Herr Minister Busemann (Kultusminister Niedersachsen), vielen Dank Herr Albert (Direktor NLM für Ihre einleitenden Worte, die uns ja bereits mitten ins Thema geführt haben.
Herr Koch, meine sehr verehrten Damen und Herren,
das Internet ist aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht eine Revolution in der Entwicklung der Medien. Man kann dieses neue Medium in seiner Bedeutung für die Gesellschaft gar nicht überschätzen. Lassen sie mich dies durch eine Analogie verdeutlichen: Als im Jahre 1450 Johannes Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand, bewirkte er nicht nur eine medientechnische Errungenschaft, sondern veränderte die Welt. Einen ebenso dramatischen Entwicklungssprung in der Mediengeschichte mit gravierenden Auswirkungen auf die Gesellschaft erleben wir derzeit durch das neue Medium Internet. Johannes Gutenberg ist Ende des letzten Jahrtausends - also vor rund vier Jahren - von einer internationalen Jury zum Mann des Millenniums gewählt worden. In der letzten Woche wurde ein neu geschaffener Millennium-Technologiepreis in Helsinki vergeben - er ging an den Entwickler des World Wide Web, den britischen Physiker Tim Berners-Lee. Dieser hat mit seiner benutzerfreundlichen Oberfläche einem speziellen Teil des Internets - den wir heute kurz WWW nennen - zum Durchbruch verholfen. In der Laudatio zur Preisverleihung heißt es: "Das weltweite Netz ermuntert zum Anknüpfen an neue soziale Netzwerke, fördert Transparenz und Demokratie und eröffnet neue Möglichkeiten für das Informationsmanagement und die Geschäftsentwicklung."
In den Industrienationen hat sich das Internet rasant entwickelt. Der Herr Minister hat bereits auf die große Verbreitung dieses neuen Mediums in Deutschland, insbesondere in der jungen Generation verwiesen. Die schnelle Verbreitung des Internets hat allerdings zu gewissen Verwerfungen in der Medienlandschaft geführt, auf die ich ihre Aufmerksamkeit jetzt lenken möchte.
Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts - also vor rund zehn Jahren - begann das Medium zunächst einmal langsam seine Breitenwirkung zu entfalten. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Massenwirksamkeit des Internets noch völlig unterschätzt. Die deutsche Mediengesetzgebung wies dem Internet im Jahre 1997 mit dem Teledienstgesetz und dem Mediendienstestaatsvertrag quasi eine Sonderstellung zu. Das Internet wurde nicht als rundfunkähnliches Massenmedium erkannt, sondern primär als Medium der Individualkommunikation verstanden. Doch Fehleinschätzungen des Internets waren an der Tagesordnung; selbst ein weitsichtiger Computerspezialist wie Bill Gates hatte die Möglichkeiten und die Bedeutung dieses Mediums zunächst unterschätzt - wie er vor einigen Jahren offen zugeben musste.
Das Internet wurde anfänglich als ein Nischenmedium angesehen. Vor diesem Hintergrund entstand auch der Mythos vom "Internet als rechtsfreiem Raum". Dieser Mythos hat fatale Folgen, mit denen wir heute zu kämpfen haben und die den Anlass für das von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt in Auftrag gegebene Handbuch boten.
Der Jugendmedienschutz, aber auch die Strafverfolgung waren im Internet zunächst kaum präsent. Zu diffus war die Rechtslage, zu unübersichtlich die Angebote und die kriminellen Aktivitäten, die sich hier abspielten und immer noch abspielen.
Häufig werden die Medien ganz allgemein als ein Spiegel der Gesellschaft bezeichnet. Wenn das stimmt - und vieles spricht dafür -, dann muss man das Internet als einen Hohlspiegel ansehen, in dem die Untiefen menschlicher Existenz vergrößert zum Vorschein kommen. Das Internet dient vielen als eine ideale Plattform für ihre Obsessionen und kriminellen Aktivitäten. Herr Minister Busemann hat ja bereits einige Beispiele genannt. Wir haben uns bei der Arbeit an dem Handbuch mit diesen Schattenseiten des Netzes beschäftigt und in Abgründe geschaut, die unser Vorstellungsvermögen bei weitem überschritten.
Es gibt kaum einen Grenzbereich der von Menschen erdachten und ausgeführten Grausamkeiten und Perversionen, die nicht im Internet eine Darstellungsform gefunden haben:
- Kannibalisten suchen hier ihre Objekte,
- Pädosexuelle finden hier ihre Opfer,
- Hardcore-Pornographie aller erdenklichen Spielarten - von Urinsex über Sadomasochismus und Sodomie - wird in unzähligen Bildern und Videos verbreitet,
- Gewaltdarstellungen, die sämtliche Tabus überschreiten, zeigen Verstümmelungen, Tötungen und Folterungen jeglicher Art,
- Sektenanhänger und Satanisten aller Couleur verbreiten sich hier ebenso wie Neonazis und Rassisten,
- in so genannten Suizidforen wird der gemeinschaftliche Selbstmord von Jugendlichen virtuell vorbereitet, der sich dann im realen Leben tatsächlich vollzieht
- in Chat-Rooms werden kriminelle Handlungen angebahnt.
All dies geschieht jedoch nicht im Verborgenen, wie man meinen könnte, nein all diese Angebote sind für jeden Internetnutzer - also auch für Kinder und Jugendliche - frei zugänglich. Über manche dieser Inhalte stolpert nahezu jeder Internetnutzer fast zufällig einmal, in den Rotlichtbezirk wird man mit verschiedenen Mitteln hereingelockt, und Internetadressen mit so genannten Snuff-Videos werden auf dem Schulhof gehandelt - wie früher die Sammelbilder.
Wenngleich Sekten und politische Extremisten sich eher an versteckten Plätzen im weltweiten Netz aufhalten, kann man sie dennoch relativ schnell finden. All diese fragwürdigen Inhalte sind jedoch ohne Schutzbarrieren zugänglich.
Das heute hier vorgestellte Handbuch geht ausführlich auf diese Internetinhalte ein, ohne zu beschönigen und zu verharmlosen, wie es meiner Meinung nach in vielen Publikationen immer noch geschieht. Das Ziel des Handbuches ist es, alle, die erzieherische Verantwortung tragen, für diese Schattenseiten des Internets zu sensibilisieren. Natürlich drängt sich schnell die Frage auf: warum wird von Seiten der Staatsgewalt hier nicht eingeschritten? Um dies zu beantworten, muss man die medialen Besonderheiten des globalen Datennetzes berücksichtigen. Vielen Internetnutzern, die sich im Netz bewegen, ist die Architektur dieses Netzwerkes und seine Funktionsweise weitgehend unbekannt. Im Handbuch wird daher eine leicht verständliche Einführung in die Struktur des Internets gegeben.
Selbstverständlich wollen wir nicht bei dem Aufzeigen von Problemen stehen bleiben. Wir suchen vielmehr nach Lösungen und zeigen auf, wie Eltern und Lehrer mit dem Problemfall des "Missbrauchs des Internets" umgehen können. Hierzu bieten sich auf den ersten Blick technische Lösungen in Form von Filterprogrammen an. Wir haben daher die gängigste Filtersoftware getestet und bewertet. Leider ist von ihnen kein 100-prozentiger Schutz beim Abblocken von unerwünschten Inhalten zu erwarten.
Wir brauchen daher unbedingt eine neue Verantwortungskultur für das Internet. Diese aufzubauen und zu entwickeln lässt sich sicherlich nicht mit einem Handbuch allein bewerkstelligen. Herr Albert hat daher bereits darauf hingewiesen, dass die NLM in ihrem Zuständigkeitsbereich durch verschiedene Maßnahmen und in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen die Medienkompetenz für das Internet weiter ausbauen und fördern wird.
Die NLM wird spezielle Weiterbildungsangebote für Eltern und Lehrer machen, um Ihnen aufzuzeigen, welche Möglichkeiten der Prävention es gibt, und wie Kinder und Jugendliche zu einem verantwortlichen Umgang mit dem Internet gebracht werden können.
Zugleich wird man allerdings in Zukunft die Rechtsaufsicht und die Strafverfolgung verschärfen - in Niedersachen ebenso wie in den anderen Bundesländern.
Es soll bei dieser Veranstaltung nicht darum gehen, das Internet generell als "Welt des Bösen" zu verteufeln. Doch das Internet ist viel zu wichtig und zu zukunftsträchtig, um dort eine Nische für kriminelle und jugendgefährdende oder ethisch verwerfliche Inhalte zu belassen. Wir brauchen daher engagierte Eltern und Lehrer, die sich der neuen Verantwortung, die das Internet erfordert, bewusst sind und hier gezielt gegensteuern.
Ich hoffe, dass wir mit dem vorgelegten Handbuch hierzu einen Beitrag liefern können.
Helmut Volpers (Hrsg.):
Funktionsweise des Internets und sein Gefährdungspotenzial für Kinder und Jugendliche. Ein Handbuch zur Medienkompetenzvermittlung. Berlin 2004 (Vistas Verlag)

